Zwangkontrolle (Coercive Control)
Heute möchte ich über ein Thema schreiben, das bei uns in Deutschland noch etwas unterrepräsentiert ist. Es geht um Coercive Control (Zwangskontrolle). Der Begriff umschreibt ein Muster psychologischer Gewalt und Machtausübung in engen Beziehungen, eine Art psychologischen Missbrauchs, mit Beschimpfungen, Gaslighting und extremer Zuneigung.
Als Therapeutin durfte ich über zwei Jahre eine Mutter (42) von zwei Kindern (5,10) in Heidelberg auf ihrem Weg begleiten, die es geschafft hat, sich aus dieser gewaltvollen Abhängigkeit zu lösen und mittlerweile von ihrem Mann geschieden ist.
Auch sie kennt die Frage: Warum verlässt sie ihn nicht einfach? Um dies zu beantworten, muss ich etwas weiter vorne beginnen: Als die intelligente und attraktive Frau ihren späteren Ehemann kennenlernte, war sie durch ihre voherige Lebensgeschichte bereits stark geschwächt. Sie hatte eine nervenaufreibende Scheidung hinter sich und das Umgangsrecht für ihre beiden Töchter aufgrund der Aussagen ihres Exmannes und ihres eigenen narzistischen Vaters nur eingeschränkt erhalten. Sie fühlte sich vor Gericht „gedemütigt“ und ihr Selbstwert als Mutter war im Keller.
Als dann der neue Mann als „edler Ritter“ in ihr Leben trat, der sie aus dieser geschwächten Position herausholen sollte, ließ sie sich sprichwörtlich in seine starken Arme sinken. Sie verliebte sich in ihn und vertraute ihm.Doch sobald sie sich ganz auf ihn einließ, fing er damit an, sie kontinuierlich von ihrem eigenen Leben und ihrer Selbstbestimmung zu entmündigen. Er hinderte sie daran, ihre Kinder, Freunde und Bekannte zu treffen. Er ließ sich Zugang zu ihren Konten geben, um sich“ darum zu kümmern“, weil er das besser könne. Und er kontrollierte sie auf Schritt und Tritt. Das alles kannte sie nur zu gut von ihrem eigenen Vater, der sie genauso behandelt hatte. Sie hatte von klein auf gelernt, dass Liebe bedeutet, sich anzupassen und unterzuordnen. Auch deshalb gab ihr dieser Mann und sein Verhalten zunächst ein Gefühl von Sicherheit.
Zu dem Zeitpunkt als sie bei mir in die Praxis kam, hatte sie bereits jahrelang nur noch wenig Kontakt zu ihren beiden Mädchen und ihr neuer Ehemann hatte nahezu alles im Griff. Er hatte es geschafft, ihr Leben einzuengen und sie „gefügig“ zu machen, wie sie mir berichtete. Sie musste über alles Rechenschaft ablegen: Ihren Alltag als Medizinerin, Kontakte, Freundschaten, ihre Finanzen und sogar über ihre Ernährung. Er stellte strenge Regeln auf, was z. B. das Einkaufen von Lebensmitteln anging, dort durfte nur bestimmte Marken gekauft werden und jedes, das von ihm nicht geibilligt wurde musste sie rechtfertigen. Bei Nichtbeachtung folgten Beleidigungen, Abwertungen und Androhung von Strafe. So gab er ihr das Gefühl, dass sie es ja eigentlich in der Hand hatte, ob es harmonisch und gut zwischen den beiden lief oder nicht. Sie musste einfach nur seine Regeln befolgen, dann war alles gut. Auf diese Weise schaffte er es, dass meine Klientin, obwohl sie einen angesehenen und gut bezahlten Job hatte und finanziell unabhängig war, auf Dauer immer weiter geschwächt wurde, sich selbst fast nichts mehr zutraute und ihr Selbstwert am Boden war. Warum sie sich nicht wehrte? Warum sie ihn nicht verließ? Sie fühlte sich komplett abhängig von ihm und gleichzeitig fühlte sich das alles sehr vertraut an. Ich denke, diese Erklärung der psychischen Gewalt, die ihr wiederholt wiederfuhr, dürfte diese Fragen beantworten.
Dennoch gab es auch noch einen Funken Kampfbereitschaft in ihr. Und eines Tages sollte ein Vorfall alles verändern. Ihr Tochter aus erster Ehe, die sie kaum noch gesehen hatte, war in Lebensgefahr. Selbstverständlich machte sich meine Klientin sofort auf den Weg zu ihr - auch wenn er alles daran setzte, sie davon abzuhalten, ihre Autoschlüssel versteckte und ihr androhte, dass sie dann nie mehr zurückkommen dürfe, wenn sie jetzt gehe.
Doch sie fuhr los und setzte damit den ersten Schritt in ihre Selbstbestimmung und zurück in ihr eigenes Leben. Ich habe jetzt noch Gänsehaut, wenn ich daran denke, wie sie danach zu mir kam und mir davon berichtete. Danach ging der Terror erst richtig los. Sie hatte sich ihm wiedersetzt und wurde daraufhin nur noch beschimpft und gedemütigt. Zu dieser Zeit fühlte sie sich in Lebensgefahr und hatte Todesangst davor, wenn er nach Hause kam. Er schloss sie nachts in ein Zimmer ein, zertrümmerte Gegenstände, kippte einen Schrank hinter ihr um und rief dann selbst die Polizei wegen häuslicher Gewalt. Den Beamten erklärte er dann, das habe sie getan. Er erzählte dem gesamten Unmfeld, seine Frau sei psychisch krank und nicht zurechnungsfähig. So schwächte er auch ihren Ruf und machte sie unglaubwürdig. Er ließ ihr Konto sperren. Er wendete sich an das Jugendamt, die Schule und den Kindergarten und erzählte dort dieselbe Geschichte von seiner psychich kranken Frau, die auch als Mutter versage.
Doch meine Klientin wehrte sich und kämpfte, dieses Mal auch um ihre gemeinsame Tochter. Zusammen mit einer guten Anwältin, vielen Beratungsstellen, meiner Unterstüzung und unglaublich viel eigener Energie schaffte sie es, sich zu befreien: Sie mietete eine Wohnung, zog aus, und schaffte es, ihre gemeinsame Tochter zu sich zu holen. Sie ließ sich scheiden! Noch heute versucht ihr Exmann immer wieder, Kontakt aufzunehmen. Doch ein Platzverweis und eine Unterlassungserklärung halten ihn auf Abstand. Meine Klientin lebt heute ein freies, selbstbestimmtes Leben und ist wieder glücklich.
Diese Geschichte soll anderen Frauen oder auch Männer, die in ähnlichen Strukturen gefangen sind, die Augen öffnen. Sie soll dabei helfen, sich darüber bewusst zu werden, dass sie sich in einer gewaltvollen Beziehung befinden. Sie will auch Mut machen, sich Hilfe und Unterstützung bei den richtigen Anlaufstellen zu holen. (Frauenhaus, Hilfe bei Gewalt, Frauenberatungsstellen, Caritas)
Diese Geschichte möchte auch über die psycholgischen Mechanismen, die hinter dieser sehr subtil und perfide aufgebauten „Abhängigkeit“ stecken, aufklären. Sie beschreibt, warum es eben nicht so leicht ist, einfach zu gehen und manchmal sogar „sicherer“ ist, zu bleiben. Und warum eine Trennung nur mit einem gut vorbereiteten Sicherheitsnetz geplant werden sollte, da sich Opfer häufig in Lebensgefahr begeben, wenn sie ihre Täter verlassen.
Diese Geschichte erzählt den mutigen Weg einer Frau, die erneut durch ihr früheres Trauma gegangen ist, um sich physisch und seelisch zu befreien. Sie beschreibt die Notlage einer Frau, die Bedrohungen, Beschimfpungen, Abwertungen, Stalking und Todesängste ausgehalten hat und sich dennoch widersetzt hat.
Diese Geschichte will alle Menschen wachrütteln, die vielleicht jemanden kennen, der sich in einer gewaltvollen Beziehung gefangen fühlt. Sie will, dass Menschen hinschauen und Hilfe anbieten. Opfer von Coercive Control können es aus eigener Kraft meistens nicht schaffen, sich zu befreien, da sie nahezu kein Vertrauen mehr in das eigene Handeln haben. Diese Geschichte appeliert nicht nur an die Gesellschaft, sondern auch an die Politik, eine Veränderung zum Schutz der Opfer herbeizuführen.
Leider liegen mir keine offiziellen Zahlen bzw. die aktuelle Dunkelziffer gewaltvoller Beziehungen mit Coercive Control vor, und die Geschichte beschreibt auch nicht die Handhabung von Polizei und Jugendämtern bei häuslicher Gewalt. Die Schwierigkeit ist jedoch, dass immer zuerst etwas passieren muss, bevor gehandelt werden kann. (z.B. Platzverweis) und es den hochmanipulativen Täter häufig gelingt, vor Polizei und Jugendamt die Opfer als Täter (Schuldumkehr) hinzustellen.
Im Vergleich dazu gilt die Ausübung von Coercive Control in Großbritannien als Straftatbestand, der mit bis zu fünf Jahren Freiheitsstrafe geahndet wird. Dort werden die Beamten entsprechend geschult, um auf solche Feinheiten zu achten.
Wenn Sie sich angesprochen fühlen, melden Sie sich bei mir, telefonisch oder per mail oder holen Sie sich Unterstützung bei einer Beratungsstelle.